Bürgerkarte 2024
Kirche vor dem Sonntagshorn in Ruhpolding
© © Ruhpolding Tourismus/Andreas Plenk

25.05.2023

Es ist "Halbzeit": Bürgermeister Justus Pfeifer im Interview

Nach dem Bürgerentscheid wartet ein ganzes Bündel an Arbeit. Für Ruhpoldings Bürgermeister Justus Pfeifer war die erste Halbzeit nicht gerade langweilig

Über Langeweile konnte sich Bürgermeister Justus Pfeifer (CSU/VRB) in den vergangenen Wochen wahrlich nicht beklagen. Fast hatte man in der Öffentlichkeit den Eindruck bekommen, es drehe sich in der Gemeindepolitik nur noch um die zwei Objekte, die alles überlagern und über deren Zukunft wichtige, weil richtungsweisende Entscheidungen anstehen: das Kurhaus aus Degener-Zeiten und das Wellenhallenbad Vita Alpina mit angegliedertem Freibad. Über das Wie und Wann, Für und Wider, was mit den beiden im Besitz der Kommune befindlichen Einrichtungen in absehbarer Zeit passieren soll, wurde heftig diskutiert und gestritten. Ein Info-Abend folgte dem anderen, wobei die vorgebrachten Argumentationen der unterschiedlichen Gruppierungen dazu führten, die Bevölkerung in zwei Lager zu spalten. Seit dem Bürgerentscheid zum Ratsbegehren haben die Bürger selbst Druck aus dem Diskussions-Kessel genommen, indem sie sich in der Stichfrage mehrheitlich für den Erhalt des Vita Alpina aussprachen (wir berichteten mehrmals). Für den Rathauschef ist das Ergebnis ein eindeutiges Indiz dafür, dass die Ruhpoldinger mit Weitblick in die touristische Zukunft schauen. Denn die ist schließlich ausschlaggebend dafür, welchen Platz der beliebte Urlaubsort am Rauschberg im Konzert der Mitbewerber in den kommenden Jahren einnehmen wird.  Bewusst ist sich Pfeifer darüber, dass aus diesem Gesichtspunkt Gemeinderat und Bürgermeister in den kommenden Wochen und Monaten besonders im Fokus stehen werden, denn die Öffentlichkeit hat großes Interesse daran, wie die anstehenden Aufgaben angesichts der knappen Finanzmittel gelöst werden können. Auf sein Amt bezogen ist er sich aber auch bewusst darüber, dass er sich erneut an seinem Wahlslogan „Die Zeit ist reif“ messen lassen muss, mit dem er vor drei Jahren angetreten ist und dahingehend auch schon einiges bewegt hat. Nach dem Bürgerentscheid stand er im Gespräch mit unserer Zeitung gerne Rede und Antwort, um die erste Halbzeit der Legislaturperiode Revue passieren zu lassen.

Frage: Die vergangenen Wochen waren sicher sehr intensiv für Sie. Soviel Diskussionen und Basis-Demokratie hat es in Ruhpolding schon lange nicht mehr gegeben. Hatten Sie mit dem doch klaren Ergebnis pro Vita Alpina gerechnet?

Ein derart transparenter Prozess der Bürgerbeteiligung mit Bürgerwerkstatt, Infoveranstaltungen, Ausstellungen, Online-Umfragen und letztendlich dem Bürgerentscheid ist mir im gesamten Landkreis bisher nicht bekannt. Insofern sind wir hier wahrscheinlich sogar Vorreiter. Aufgrund der komplexen aber auch emotionalen Thematik wollten wir die Bürger intensiv mit einbinden. Ich denke, dass uns das auch gelungen ist. Mit Blick auf das Ergebnis bin ich natürlich erleichtert. Tatsächlich dachte ich aber, dass es knapper wird, schließlich waren die Meinungen in der Online-Umfrage beinahe 50:50.  Nun müssen wir Schritt für Schritt vorgehen und die Aufgaben gemeinsam und zielgerichtet anpacken. Da hoffe ich auch auf die Unterstützung der Bürger.

Sie haben bereits zum Beginn ihrer Amtszeit bewiesen, dass Sie Hindernissen pragmatisch begegnen, wie beispielsweise dem harten Lockdown in der Corona-Pandemie. Trotzdem konnten Sie vieles erfolgreich anschieben oder verwirklichen, wie den gemeindlichen Waldkindergarten in der Laubau und den Kindergarten Spatzennest im Ortsteil Speck.

Die beiden Projekte freuen mich besonders, weil jetzt zusätzlich  dreißig weitere Betreuungsplätze zur Verfügung stehen und zugleich der Kostenrahmen eingehalten werden konnte. Ohne jedoch das Fernziel „neuer Kindergarten“ und neue Krippenplätze aus den Augen zu lassen. Dass nicht alles auf einmal umgesetzt werden kann ist klar, denn müssen wir hier unsere Hausaufgaben erledigen. Auch die Digitalisierung der Schule ist zukunftsweisend zu nennen, hier wurden 300.000 Euro für die Bildung unserer Kinder investiert.  Und durch den Ausfall des Biathlon-Weltcups 2021 konnte ein drohendes Defizit von geschätzt über einer Million Euro verhindert werden, das auf die Ruhpoldinger Steuerzahler ohne die Eintrittsgelder der Zuschauer zugekommen wäre.

Nachdem der Unternberg durch die meine Volksbank Raiffeisenbank (meine Bergwelt) übernommen wurde, ist der ganzjährige Betrieb der Anlagen wieder für die kommenden Jahrzehnte gesichert. Wie ist die aktuelle Entwicklung in Sachen Rauschbergbahn?

Bezogen auf den Unternberg ist die Übernahme des jetzigen Betreibers natürlich ein Glücksfall für Ruhpolding und die ganze Region, vor allem im Winter für den Alpinsport. Vor drei Jahren hätte wahrscheinlich niemand, mich eingeschlossen, gedacht, dass am Unternberg jemals wieder Ski gefahren wird.  Mit dem Kletterwald, der zwischen Talstation Sesselbahn und dem Schlepplift entsteht, lockt bald eine weitere Sommer-Attraktion. Erfolgreich konnte auch die Wasser- und Kanalnetzerweiterung unter Einhaltung des Zeit- und Kostenrahmens abgeschlossen werden. Was den Rauschberg betrifft, bin ich ebenfalls zuversichtlich, dass dieses wichtige Zugpferd in absehbarer Zeit modernisiert wird. Bau- und Betriebsgenehmigung sollten jedenfalls demnächst vorliegen.

Im Januar 2022 erfolgte die Verabschiedung des Flächennutzungsplans der Gemeinde. Wie wichtig schätzen Sie dieses Planwerk für die zukünftige Bauleitplanung ein, um zu verhindern, dass Ruhpolding zugepflastert wird?

Der Flächennutzungsplan regelt die bauliche Entwicklung einer Gemeinde im Zuge der nächsten 20 bis 25 Jahre. Dahingehend war die Erstellung des neuen Flächennutzungsplans in Zusammenarbeit mit den Planungsbüros und dem Gemeinderat auch äußerst sorgfältig abzuarbeiten. Im Zuge des neuen Plans standen insbesondere Entwicklungsflächen für heimisches Gewerbe, so zum Beispiel in Neustadl, als auch künftige Flächen für einheimische Wohnbebauung, so zum Beispiel in Wasen oder im Schwabenbauernweg, im Fokus der Gemeinderäte. Mit dem neuen Flächennutzungsplan haben wir sehr gute Entwicklungsmöglichkeiten für unseren Ort geschaffen, in dem wir neben ausgewiesenen Naturschutz- und Erholungszonen auch eine Entwicklung im Bereich des Wohnens und Gewerbes für die Ruhpoldinger Bürgerinnen und Bürger ermöglicht haben.

Mit der Gründung der beiden Kommunalunternehmen Gemeindewerke und Ruhpolding Tourismus sowie der neuen Chiemgau Arena GmbH erwartet der Bürger mehr Transparenz, in erster Linie in finanzieller Hinsicht und aktueller Entwicklung beim Betrieb des Biathlon-Stadions. Wann ist da mit einer schwarzen Null zu rechnen?

Tatsächlich waren unsere Tochtergesellschaften in der Vergangenheit stets defizitär. Die Defizite mussten jedes Jahr durch den Ruhpoldinger Steuerzahler ausgeglichen werden. So betrug der jährliche Zuschuss von der Gemeinde an die ehemalige RTG knapp 1 Mio Euro jährlich und häufte sich über die vergangenen Jahrzehnte auf einen bilanziellen Verlust von über 20 Millionen Euro an. Durch die neue Struktur haben wir es geschafft den Zuschuss für das Kalenderjahr 2023 auf 450.000€ zu senken - Tendenz für die kommenden Jahre weiterhin fallend.  Der positive Effekt wird vor allem durch steueroptimiertes Handeln und die neue Einnahmenstruktur des RTK hervorgerufen. Auch bei der Chiemgau Arena sind wir auf einem sehr guten Weg. Seit 2020 mussten keine Finanzmittel der Gemeinde zugeschossen werden. Das liegt neben der neuen Struktur natürlich auch an knapp 3 Mio € Fördermittel, die wir zusätzlich zur Sportstättenförderung und den üblichen Zuschüssen im Rahmen der Corona-Pandemie abrufen konnten. Hinzu kommt die hervorragende Kooperation und Zusammenarbeit mit dem Skiclub und den vielen ehrenamtlichen Helfern, die immer wieder einen tollen Job machen. Unter diesen Voraussetzungen und zusammen mit den motivierten Mitarbeitern der Arena sollte die schwarze Null in den kommenden Jahren zu erreichen sein.

Nach der Schließung des Kurhauses sehnen nicht nur die Vereine im Ort förmlich einen neuen, akzeptablen Veranstaltungssaal herbei. Wann glauben Sie, könnte dieser Wunsch Wirklichkeit werden?

Natürlich steht ein neuer Festsaal mit ganz oben auf der Prioritätenliste. Wichtig ist es jetzt, den Bürgerwillen umzusetzen. Dazu müssen wir alle miteinander die Ärmel hochkrempeln. Zunächst muss der Gemeinderat  entscheiden, ob er ein Hotel mit Saal im Kurpark oder doch lieber einen Saal im Umfeld des Vita Alpina favorisiert.  Ein konkretes Datum zur Fertigstellung des neuen Veranstaltungssaals zu nennen wäre jedoch zum aktuellen Zeitpunkt äußerst unseriös. Ich kann aber versprechen, dass Verwaltung, Gemeinderat und ich persönlich mit Hochdruck an der Umsetzung arbeiten werden. Bis zur Eröffnung des neuen Saals sind wir aber dankbar, die Aula im Pfarrzentrum nutzen zu können.

Sie und ihre Frau Christina sind seit gut acht Monaten stolze Eltern des kleinen Alexanders. Wie verarbeitet man den tragischen Fund des toten Säuglings, der Anfang Dezember am Wanderparkplatz am Seekopf aufgefunden wurde? Sie waren ja als Bürgermeister formell in die Abwicklung des bestürzenden Falles bis hin zur Beerdigung des Buben eingebunden.

Der tragische Säuglingstod hat mich sehr berührt. Ich wurde noch am selben Tag -wir feierten mit vielen Ruhpoldingern gerade die Eröffnung des neuen Gemeindebauamts- von der Kriminalpolizei in meinem Büro informiert. Ein paar Tage später, nach der Freigabe des Baby-Leichnams durch die Gerichtsmedizin, musste ich mich zusammen mit dem Ordnungsamt und unseren beiden Pfarrern um die Terminierung der Gedenkandacht und die Organisation der Beerdigung kümmern. Mich hat das emotional stark berührt -nachmittags musst du dich für Baby-Sarg oder Urne entscheiden, ob Blumenschmuck erwünscht ist, die Beerdigung öffentlich stattfindet, das Baby ein eigens Grab bekommt oder doch eher im anonymen Urnenfeld bestattet werden soll. Und dann kommst du abends nach Hause und umarmst erst mal deine Frau mit dem eigenen kleinen Baby im Arm. Im Endeffekt fühlt man sich ja auch verantwortlich, dem toten Säugling die Liebe zukommen zu lassen, die er verdient hat und von seinen eigenen Eltern leider nicht bekommen hat. Durch die Organisation der Beerdigung ist der kleine Junge für mich auch kein Unbekannter oder Anonymer mehr, sondern irgendwie auch einer von uns Ruhpoldingern. Wahrscheinlich werde ich auch mein restliches Leben immer mal am Grab des kleinen Jungen innehalten.

 

Das Interview führte Ludwig Schick